Rodney Graham

 
 

geboren 1949 in Vancouver, Kanada
lebt und arbeitet in Vancouver

Rodney Graham gilt als Künstler, der immer wieder Rollen, Perspektiven und Medien mixt – ob Fotografie, Film, Musik, Malerei, Skulptur oder Installation. Sein Werk ist voll von humoresken, historischen und psychologischen Anspielungen. Für seine tragikomische Video-Endlosschleife „Vexation Island“, bei der ein Mann auf einer einsamen Insel von einer Kokosnuss k.o. geschlagen wird, gewann er 1997 auf der Biennale in Venedig den Goldenen Löwen. Zusammen mit Jeff Wall und Ian Wallace zählt Graham zu den Stars der kanadischen „Vancouver School“, die mit aufwändig inszenierten Aufnahmen den Begriff der „Konzeptuellen Fotografie“ geprägt hat.

In seiner Kunst geht es Graham um eine „indirekte“ Betrachtung der Welt, um die Entlarvung von Posen und Identitäten, was ihm am ehesten mithilfe der Fotokamera gelingt. Seine Fotografien, die oft in Anlehnung an Jeff Wall in Leuchtkästen präsentiert werden, führen die Inszenierung von Ereignissen und Gegenständen so überdeutlich vor Augen, dass sie oft ins Absurde driften: Ein Megaphon, das auf einer Mauer vor dem Meer platziert ist, konterkariert die Komposition des Stilllebens, an das Graham sich hier formal anlehnt („Nautical Scene with loudhailer“, 2004): Das Megaphon steht für das Gegenteil von Stille, und auch Meer und Mauer erstrahlen in so knalligen Farben, dass allein der Bildaufbau für Ruhe sorgt.

Ebenso künstlich wirkt das Bild von der Blechbüchse auf der Mauer („Can of Worms“, 2000). Die Aufnahme zeigt einen Ausschnitt oder vielmehr ein Requisit der Arbeit „Fishing on a Jetty“ (2000). Graham selbst nimmt die Pose des als Angler getarnten John Robie ein – gespielt von Cary Grant (der eigentlich Archibald Leach heißt) – aus Alfred Hitchcocks Film „Über den Dächern von Nizza“. Graham stellt hier eine Mise en abyme, also mehrere ineinander enthaltene Charaktere dar. Hinter dem Wasser hat Graham statt Nizza die Kulisse Vancouvers mit digitaler Hilfe eingesetzt. Da der elegant gekleidete Angler dem Wasser den Rücken zuwendet, ist klar, dass es sich um einen Trick, um ein Versteckspiel handelt: Er ist ein getarnter Krimineller, der die Polizei bei der Arbeit beobachtet. Grahams bis ins letzte Detail durchinszenierte und manipulierte Aufnahme parodiert die narrative Fotografie im Allgemeinen und die sorgfältig komponierten Leuchtkastenbilder seines Kollegen Jeff Wall im Speziellen. Die Aufnahme der einzelnen Blechbüchse mit den Würmern oder Egeln „Can of Worms“, die Graham der Arbeit entnommen hat, wirkt wie ein Konzentrat der Strategie des Sich-Festsaugens an bereits existierenden Bildern und Szenen.

Mit der Fotografie lehnt sich Graham an das zentrale Medium des Surrealismus an. Künstler wie Man Ray, George Brassaï und Hans Bellmer führten sie Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals in die künstlerische Praxis ein. Dort leistete sie einen wesentlichen Beitrag zur surrealistischen Ästhetik, denn sie vermochte es, die „Begierde im Blick“ zum Bild werden zu lassen: Metamorphosen, Fetischisierung, Geschlechtertausch und Wahnbilder gerieten in den Fokus. Der surrealistische Blick ist auch für Graham die wichtige Methode, um in vertrauten Dingen und Situationen das Ungewöhnliche zu entdecken. Seine Auseinandersetzung mit den Theorien Sigmund Freuds über das Unbewusste und Traumhafte werden in Grahams Werk wiederholt deutlich – und das nicht nur in der Fotografie. Für seine Installation „Children’s Trolleys“ (1993) etwa montiert er einige kleine, kubisch geformte Skulpturen aus bemaltem Stahl auf Rädern, so dass sie wie Miniaturmodelle von Donald Judds Stahlboxen aussehen. Dabei scheinen sie als eine Art multifunktionales Kinderzimmermobiliar zu fungieren: Tische, Kastenwagen und Bücherschränke, in die Graham Kinderbücher eingefügt hat. Mit „Dr. Seuss’ Sleep Book“ schlägt er eine Brücke zu Sigmund Freuds Traumdeutungen, während das Buch „If I Ran the Circus“ auf kindliche Anarchie und clowneske Respektlosigkeit – ebenfalls Themen der Psychoanalyse – anspielt. Die minimalen Maße der Kastenwagen lassen darüber hinaus „Children’s Trolleys“ kaum wie ein echtes Kunstwerk erscheinen – als würden Judds Boxen sich eher als Modelle für Einrichtungsgegenstände denn als Kunstwerke eignen: Schon wieder ein Seitenhieb auf einen Kollegen.